Professor Dr. Gerald Ackner

Professor Dr. Gerald Ackner. Foto: Frank Müller

Erste Sonnenstrahlen, die Natur erwacht und so auch wir: Der Frühling vermittelt Aufbruchsstimmung und animiert zum Rausgehen. Warum das so ist, beantwortet Professor und Kognitionspsychologe Dr. Gerald Ackner in einem Interview.

DBL: Wie wirkt der Frühling grundsätzlich auf uns?

Gerald Ackner: Mit mehr Tageslicht wird unser innerer Takt neu justiert, wir produzieren weniger „Schlafhormon“ Melatonin und mehr stimmungsaufhellende Botenstoffe. Das macht uns wacher, motivierter und oft optimistischer.

DBL: Und warum tut uns Sonne gut?

Gerald Ackner: Sonnenlicht stabilisiert unsere innere Uhr, verbessert Schlaf und Wachheit und fördert die Bildung von Serotonin und Vitamin D, was mit besserer Stimmung, mehr Energie und weniger Erschöpfung verbunden ist.

DBL: Weshalb verspüren wir im Frühling den Drang, rauszugehen?

Gerald Ackner: Wenn die Tage heller und länger werden, steigt unser Aktivierungsniveau und unser Belohnungssystem erwartet positive Erfahrungen draußen. Wir freuen uns auf Bewegung, soziale Kontakte und Naturreize. Das ist bei den meisten Menschen als lohnend abgespeichert und zieht uns nach draußen. Dann kommt dazu: Aktivierung aktiviert. Es ist also ein sich selbstverstärkender Effekt.

DBL: Wie wirkt sich das draußen sein auf unser Wohlbefinden aus?

Gerald Ackner: Grüne Umgebungen senken nachweislich Stress, entlasten unsere Aufmerksamkeit und fördern Erholung; gleichzeitig entspannt der Blick in die Ferne Augen und Gehirn, weil wir aus der häufigen Nah-Fokussierung am Bildschirm herauskommen und unser visuelles System wieder im „Weitwinkelmodus“ arbeiten darf.

DBL: Gibt es Erkenntnisse, ob Freizeitaktivitäten an der frischen Luft uns leistungsfähiger machen?

Gerald Ackner: Ja, die Studienlage ist hier inzwischen recht eindeutig. Naturaufenthalte wirken auf mehreren Ebenen: Erstens sinkt die Aktivität im präfrontalen Kortex. Das bedeutet: Ein Spaziergang in der Natur reduziert Grübeln und gedankliches Kreisen messbar stärker als ein vergleichbarer Stadtspaziergang. Zweitens erholt sich die gerichtete Aufmerksamkeit. Denn natürliche Umgebung ist anregend ohne anzustrengen, wodurch wir uns wieder besser konzentrieren können. Wir kommen ausgeruhter in die nächste Aufgabe. Drittens gibt es Hinweise darauf, dass man nach einer Naturexposition kreativer ist und Probleme leichter lösen kann.

Vereinfacht gesagt: Natur gibt dem Gehirn, was Bildschirme ihm nehmen: Weite, Reizvielfalt ohne Druck und die Möglichkeit, im Leerlauf zu laufen. Dieser Leerlauf („Default Mode“) ist keine Verschwendung, sondern neurowissenschaftlich betrachtet aktive Konsolidierungs- und Regenerationsarbeit.

DBL: Gehen Sie selbst regelmäßig „Raus“ in die Natur und gibt es bei der Frequenz – je nach Jahreszeit – Unterschiede?

Gerald Ackner: Ich gehe fast täglich raus und versuche, Bewegung draußen fest in den Alltag einzubauen, nicht als Extra, sondern als Standard. Im Sommer wird es deutlich mehr, weil die langen Abende und das Licht einfach einladen. Im Winter brauche ich manchmal etwas mehr innere Überredung, aber gerade dann merke ich hinterher den Effekt besonders deutlich.

DBL: Und was war Ihre letzte Aktivität draußen?

Gerald Ackner: Ganz pragmatisch: mit dem Fahrrad zur Bahn und zurück. Das klingt unspektakulär, aber genau das ist mein Punkt: Outdoor-Zeit muss nicht Ausnahme oder Ausflug sein. Zehn Minuten auf dem Rad, Wind im Gesicht, kein Bildschirm – das zählt!

DBL: Sie sind Ursprungsberliner und arbeiten in Tuttlingen, im Herzen des Donauberglands: Was fasziniert Sie am meisten an der Region?

Gerald Ackner: Am liebsten bin ich direkt nach der Arbeit auf dem Honberg für den Weitblick. Am Wochenende wandere ich gerne durch das Donautal, wenn ich nicht am Bodensee radle.

Über Gerald Ackner

Dr. Gerald Ackner ist Kognitionspsychologe mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Er hat an der Uni Würzburg Psychologie studiert und dort promoviert. Derzeit arbeitet Ackner als Professor – unter anderem am Tuttlinger Standort – der Hochschule Furtwangen. Dort lehrt und forscht er im Umfeld „Interaktion von Mensch und Technik“.